RheinEnergie Halbmarathon Köln – nichts für Morgenmuffel

Gehörst du zur Menschengattung Morgenmuffel? Dann höre auf meinen Rat. Der RheinEnergie Halbmarathon ist nichts für dich!


Zur nächtlichen Schnarchzeit um 4:00 Uhr morgens rief mein niemals müder Kasernenwecker zum Morgenapell und peitschte mich aus dem Bett. Anziehen, eine Kleinigkeit frühstücken, Kolonmassage, Stuhlgang Fehlanzeige, die Tasche ins Auto und dann ab auf die Autobahn Richtung Colonia Claudia Ara Agrippinensium. 

Alles minutiös getaktet wie beim Bund. 5:30 Uhr Sonntagmorgen und ich war gestresst wie ein hypernervöser Kellner auf dem Oktoberfest. 6:35 Uhr erreichte ich den P+R Parkplatz Köln-Weiden. Es war dunkel und kalt. Bibbernd wartete bereits eine Handvoll schlaftrunkener Läufer auf dem Bahnsteig. Es herrschte fokussierte Stille.

7:10 Uhr Ankunft am Bahnhof Köln-Deutz. Mein Darmtrakt war nun auch aufgewacht und wollte abliefern. Die kilometerlange Schlange vor der Bahnhofstoilette überzeigte meinen Sphinkter das Tor weiter geschlossen zu halten. Also erst einmal raus und den Kleiderbeutel abgeben.

In einer Nebenstraße entdeckte ich eine Reihe Dixi-Klos. Es war dunkel, der Boden klebte und die Hütte roch bestialisch. Lamentieren half nicht. Handylampe in der einen Hand, die Jacke über den Arm geworfen, den Rucksack in der anderen Hand und bloß nicht hinsetzen. Meine Oberschenkel zitterten. Laufpapst Dr. Matthias Marquardt hätte seine helle Freude an meiner schulbuchmäßigen tiefen Hocke gehabt. Draußen mahnte die darmaktive Läuferschaft zur Eile. Ich erhöhte den Druck. Es passierte nichts. Verdammt. Unverrichteter Dinge schlich ich unter viszeralen Schmerzen in meinen Startblock. Block Lila - der Letzte. Eine Ansammlung von abenteuerlichen Wahnsinnigen in Karnevalskostümen, frustriert und übergewichtigen Vierzigern in der Midlifecrisis und ambitionslosen Hobby-Läufern für die der Olympische Gedanke „Dabei sein ist alles“ galt.


Punkt 8:30 Uhr fiel der Startschuss. Für Block Rot. Ich überbrückte die Wartezeit mit Atemübungen gegen mein Darmrumoren. Sechs weitere Blöcke und zwanzig Minuten später war es dann auch für mich soweit. Im Gänsemarsch ging es über die Startlinie. Panisch hielt ich nach einem Pacer Ausschau. Der drahtige ältere Herr mit militantem Stoppelhaarschnitt oder die Unterfett arme Marathon-Mutti mit 80er Jahre Schirmmütze? Beide garantiert zu schnell. Schön langsam das Rennen angehen. Geplant war nicht schneller als mit einer 7ner Pace los zu laufen.
Plötzlich ging die rote Japanische Sonne in Köln-Deutz auf. Sie war klein, dürr mit violetter Origami-Schleife im Haar. Eine Mischung aus Yoko Ono und Akie Abe und würde sicherlich meine Pace laufen. Also dran bleiben. Yoko Abe entpuppte sich aber schon hinter der ersten Kurve als Mulan und wieselte sich in Schlangenlinien zwischen schleichende Lauf-Blockaden, die selbst Speedy-Gonzales gestoppt hätten. Dran bleiben war unmöglich. Ich kam an der Viererabwehrkette des LC Lauffaul nicht vorbei. Die violette Origami-Schleife wurde kleiner und kleiner und verschwand auf der Deutzer Brücke gänzlich von meinem Radar. Ein neuer Pacer war nicht in Sicht. Meine Uhr mahnte schneller zu laufen. Ich lief in einer Horde Fußkranker Entschleuniger mit einer herzfreundlichen 8er Pace über den Rhein.



Linksrheinisch ging es durch die Innenstadt Richtung Sülz. Ich kämpfte mich am Seitenrand an  tiefenentspannte Sonntagsläufer vorbei. Das kostete Kraft. Kein Pacer, kein Rhythmus und kraftzehrender Spießrutenlauf. Kurz hinter dem Zülpicher Platz wurde es dunkel. Der Laufgott ließ den Hass-Läufer Serdar Somuncu vor mir erscheinen. Ob es wirklich Serdar Somuncu gewesen ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Immerhin habe ich ihn nur von hinten gesehen. Wenn Serdar Somuncu allerdings den rechten Fuß im hinkendem 45° Grad Winkel zum linken Fuß aufsetzt und dabei die Hüfte verdreht, dann war es der Lauf-Prediger persönlich! Ein Kerl wie ein Baum. Die Titanic wäre an seinen Haken zerschellt. Dankend ruhte ich mich in seinen Windschatten aus und erfreute mich seines belustigenden Laufstiels. Überrascht bemerkte ich, dass der hinkende Riese auf den Punkt eine 7“00 Pace lief. Verblüffend. Er trug noch nicht einmal eine Pulsuhr.  Sofort war klar – hinter ihm würde ich bis zum Ende bleiben. Endlich hatte ich einen Pacer, Rhythmus und Windschatten gefunden. Jetzt war ich richtig im Rennen drin. 

Allerdings nur bis Kilometer zehn. Dann entzweite uns die Verpflegungsstation. Ich schnappte mir einen Becher Wasser, trank zwei Schlucke und wartete im Trippelschritt auf den hinkenden Riesen. Doch Serdar ließ sich Zeit und nahm alles mit was REWE aufgetischt hatte. Wasser, Iso-Getränk, Banane. Personifizierte Zugmaschine hin oder her, ich musste weiter. „Maach et joot!“, sagt der Kölner.


Zwischen Kilometer zehn und fünfzehn wurden die Abstände zwischen den jecken Laufhorden größer. Ein Pacer ging mir nicht mehr ins Netz. Jedoch die kindliche Ausgabe von Scheherazade. Die kleine indisch aussehende Schülerin trieb mich in den Wahnsinn. Wie vom Geißbock getrieben stürmte sie 200 Meter davon, um dann keuchend die Hände in die Seiten zu stemmen und genau in meiner Lauflinie stehen zu bleiben. Ich kam mir vor wie Bill Murray. Jeden Steinwurf aufs Neue wurde ich von meinem indischen Murmeltier begrüßt. „Lauf doch bitte etwas langsamer, dafür aber kontinuierlicher!“ Wie lang konnte Scheherazade Murmeltier das durchhalten? Zumindest bis Kilometer 16. Dann  nahm das kölsche Bollywood-Rennen ein abruptes Ende.
Mit „Achtung Hintermann“ kündigte sich der orangefarbene Luftballon mit 2:30 Schriftzug an. Fünf Kilometer noch. Ich wollte unbedingt unter 2:30 bleiben und zog das Tempo an. Der Schnitter und mein indisches Murmeltier konnten nicht mithalten. Die Lunge brannte. Die Beine wurden schwerer und schwerer. Ich warf Traubenzucker ein. Die Kohlenhydrate verbrannten wie trockenes Heu im Martinsfeuer. Ich brauchte Nachschub. Ich brauchte neue Energie. Ich brauchte Flügel.

Der rote Bulle meinte es gut mit mir. Einer Fata Morgana gleich erschien der Österreichische Brause-Stand in der Kölner Innenstadt. Die hochkomplexe Geheimrezeptur aus Gummibärchen und Zuckerwatte stürzte meine Speiseröhre hinunter und verstoffwechselte sich ungefiltert in meinen vor dem Burnout stehenden Muskelzellen.

Gevatter 2:30 war außer Sichtweite. Jetzt bloß nicht langsamer werden. Tempo halten. Nur noch drei Kilometer bis zum Ziel. Drei Kilometer, was ist das schon? Normalerweise gerade mal meine Einlaufrunde zum warm werden.

Allerdings sind drei Kilometer auch dreitausend Meter. Ein schleichender Schmerz kroch die Wade hinauf über’s Knie bis in die Hüfte. Erst rechts, dann auch links. Ich hätte das Faszientraining in den letzten drei Wochen nicht stiefmütterlich ignorieren sollen. Jeder Schritt wurde nun zur Qual.
Ich passierte Kilometer Marke 19. Es wurde lauter. Karnevalsmusik ertönte. „Et jitt kei Wood, dat sage künnt, wat ich föhl, wenn ich an Kölle denk! Ohoho!“, tönte es aus hunderten schunkelnder Schaulustiger. Ich versuchte mich von der Stimmung anstecken zu lassen und summte mit. „Ohoho! Wenn ich an ming Heimat denkt!“ Doch ich wurde langsamer. Meine Füße waren schwer wie Blei. Ich konnte den Dom schon sehen, aber es ging nichts mehr. Konfetti ergoss sich über meinen Kopf. Eine kölsche Waldorf-Lehrerin mit Löwenmähne und Strickpulli schrie mich aus nächster Nähe an. „Heeey Holger! Lauf weiter!“ Ich presste links und rechts den Daumen in den Gluteus und ging ein paar Schritte. Ganz Kölle war auf den Beinen, tanzte, sang und feierte. „Do bes en Stadt met Hätz un Siel, hey Kölle, do bes e Jeföhl.“ Verlogen! Wo war das Herz, wo war das Gefühl? Mir ging es beschießen. Der Schmerz in meiner Hüfte explodierte. Ich wollte in den Arm genommen werden. Ich wollte für meinen tapferen Kampf gelobt werden. Stattdessen wurde ich wie ein simulierender Teenager behandelt, der versuchte sich vor dem ungeliebten Schwimm-Unterricht zu drücken. „Es ist nicht mehr weit! Du schaffst das!“ Ich schaffte es eben nicht, denn just in diesem Augenblick flog der Sensemann mit dem kürbisfarbenen 2:30 Luftballon an mir vorbei. Dran bleiben? Unmöglich? Gevatter 2:30 düste wie ein ICE an mir vorbei. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte ich hinter ihm her, lief zwanzig Meter, blieb stehen, ging ein paar Meter, um einen erneuten verzweifelten Laufversuch scheitern zu lassen. Kilometer Marke 20.



Nun wurden auch Mitläufer nervig, beziehungsweise eine Mitläuferinnen. Mütterlich nahm sie sich meiner an und versuchte mich mitzuziehen. „Komm, bleib dran. Wir haben es gleich geschafft.“ Innerlich rollte ich genervt die Augen und entgegnete gleich abwehrend: „Meine Hüfte macht nicht mehr mit.“ Doch das war für die leicht übergewichtige Mitvierzigerin mit Stirnband keine Entschuldigung. Sie packte mich bestimmend am Arm und zog mich durch die Hohe Straße. Messerstiche rammten sich bei jedem Schritt ins rechte Knie. Meine Hüfte knarrte rechts und links als würde sie durch eine Knochenmühle gedreht.


Der Dom erschien zu meiner Rechten wie eine Halluzination. Nur noch wenige Meter. Ich konnte das Ziel sehen. Der rote Teppich war ausgerollt und urplötzlich wurde es ganz still. Die Musik und Stimmen verstummten. Die Strecke war menschenleer. Der Schmerz war verschwunden und meine Füße rollten wie eine gut geölte Maschinerie über den roten Teppich.




Meine Spezialität! Auch wenn nichts mehr geht, ein Schlussspurt geht immer. Piep. Blitzlicht. Ich war zurück in der schmerzenden Realität. Meine Lunge brannte.




Die Beine verweigerten weitere Schritte. In Plastikfolie verpackt torkelte ich der Medaillenausgabe entgegen. Mit 2:31:20 hatte ich meine Wunschzielzeit nur haarscharf verfehlt. Egal. Geschafft ist geschafft! Das orthopädisch verkrüppelte Läuferknie hatte soeben den dritten Halbmarathon in 2018 erfolgreich gefinisht.




Gierig machte ich den Kalli und stopfte alles in mich hinein, was die REWE Fressmeile hergab. Alkoholfreies Bier, Cola, eine salzige Suppe, Brezel und Alpro Kokosnussdrink. Et jitt kei Wood, dat sage künnt, wat ich föhl, wenn ich an de kölsche Halbmarathon denk! Ohoho! Wenn ich an deses Rennen denkt“, summte ich unbemerkt als ich mich im Schneckentempo zur Kleiderbeutelausgabe durchkämpfte. Es fühlte sich an, als ob eine Parkkralle meine Oberschenkel in der Hüftpfanne fixierte. Ich brauchte eine halbe Ewigkeit.



Ausgerechnet im letzten Zelt und in entgegengesetzter Richtung zu den Duschen erhielt ich meinen Beutel. Ich war patschnass durchgeschwitzt. Auch wenn der Bahnhof verlockend nahe war, ich musste unbedingt duschen. Rückblickend mein persönliches Highlight des RheinEnergie Halbmarathons.
Inmitten eines mit Bauzäunen abgegrenzten Herren- und Damenareals standen 10 Duschkabinen nebeneinander. Offen. Ohne Tür. Lediglich ein spärlicher Vorhang  bewahrte die duschende Läuferschaft vor voyeuristischen Blicken. Obwohl, er tat es eigentlich nicht. Denn vor den Duschen stellten sich die Läufer in Reihen auf und zogen sich pudelnackt mitten auf dem Platz aus. Ich tat es ihnen gleich, legte die wärmende Generali Plastikfolie auf den Boden, den Kleiderbeutel, die Schuhe, und meinen Laufrucksack darauf und pellte mich aus der triefnassen Funktionswäsche. Lediglich mit einem Duschgel in der Hand verdeckte ich den tief zurückgezogenen besten Teil des Läufers, der in diesem Augenblick einer Mopsnase gleich kam. Es war windig, es war kalt und ich stand splitterfasernackt hinter drei weiteren laufbegeisterten Nudisten mitten in Köln vor spartanischen Duschkästen. Nächstes Jahr im Sommer werde ich an einem Nudistenlauf teilnehmen, dann habe ich mir zumindest das lästige an- und ausziehen erspart.

Eine Stunde später stand ich auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug Richtung Köln-Weiden. Ich fühlte mich frisch, glücklich und stolz. Denn eigentlich hatte ich doch meine Wunschzeit erreicht und war unter 2:30 geblieben. Meine Garmin zeigte 22,3 km an. Durch meinen anfänglichen Spießrutenlaufen, war ich deutlich mehr als 21,1 km gelaufen. Die Halbmarathonmarke passierte ich laut meiner Uhr bereits nach 2 Stunden und 22 Minuten. Happyend oder wie der Kölner sagt: „Et kütt wie et kütt und et hätt noch emmer joot jejange.“



Kommentare

  1. Sehr cool Holger! Richtig spannend geschrieben! Ich bin auch stolz auf DICH!!! Super gemacht und high five! Vielleicht bis zum nächsten Jahr, aber dann beim ganzen Marathon ;-) Alles GUTE weiterhin!

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